Anita und Hans in unserem Bett

„Früher“, sagt Anita Ladinig, Vorarlbergerin mit Kärntner Namen, „habe ich in einem Einfamilienhaus in der gleichen Gasse, nur ein paar Minuten von hier gewohnt. Doch nachdem mein damaliger Mann verstorben und meine Kinder ausgezogen waren, war klar, dass ich mich neu orientieren möchte.“ Anita, die als Steuerberaterin und Wanderführerin tätig ist, hat das Haus in Mauer aufgegeben und ist von Nummer 33 auf Hausnummer 14 übersiedelt – in eine neu errichtete Reihenhausanlage mit schlichten, weiß und grau verputzten Stadtvillen. Gemeinsam mit ihrem Freund, Hans Draxler, Unternehmensberater und ebenfalls leidenschaftlicher Wanderer, bewohnt sie eine 91 Quadratmeter große Wohnung im ersten Stock.
„Als ich die Az W-Einladung zu ‚wie wir wohnen‘ gesehen habe, war klar, dass ich da unbedingt teilnehmen will“, sagt Anita. „Ich bin einfach neugierig darauf, wie andere Menschen wohnen, wie sie sich einrichten, welche Energie ihre Wohnung versprüht. Mich interessiert, ob das ein Ort ist, an dem ich länger bleiben mag oder froh bin, am nächsten Tag doch wieder zu Hause zu sein.“ Für Hans, der von der Idee des Wohnungstausches ebenfalls auf Anhieb angetan war, sind die zwei Tage wie ein Einblick in ein fremdes Inneres: „Zu sehen, wie jemand anderer wohnt, ist, als würde man in sein Innerstes hineinblicken. Das ist etwas Persönliches, etwas zutiefst Intimes.“
Und wie! Am Nachmittag haben mein Mann Stefan und ich Fotos per SMS zugeschickt bekommen. Anita in der Hängematte. Anita und Hans in meinem Arbeitszimmer. Anita und Hans in unserem Bett im Schlafzimmer. Irgendwie sehr fremd, irgendwie sehr strange, und irgendwie auch wieder nicht. Wir haben es uns in der Zwischenzeit ja auch gemütlich gemacht. Ich habe am Esstisch meinen temporären Arbeitsplatz aufgeschlagen, habe, weil ich qua meines Jobs von einer fast unstillbaren Neugier getrieben bin, mit interessiertem Respekt sämtliche Küchenkastln und Küchenladen aufgemacht und habe mich am Abend in einer Fremddusche mit Fremdduschgel eingeseift. Der Einblick in die Intimität beruht auf Gegenseitigkeit.
Ein Neubau in Wien Mauer. Würde ich hier wohnen wollen? Einmal Nein wegen Neubau. Ein zweites Mal Nein wegen der Lage. Zu wenig Zentimeter Luft über meinem Kopf, zu viele Kilometer Luft bis zur Innenstadt. Abgesehen davon jedoch: Yes! Yes! Yes! Die Wohnung ist saugemütlich, sie bietet eine atmosphärische Ruhe und Geborgenheit, vor allem aber versprüht sie im Hans’schen Sinne eine wunderbare Energie mit einer ordentlichen Portion Urlaubsflair. Woher kommt bloß dieses herrliche orange-grüne Urlaubs-Feeling?
„Wie wir wohnen“ sei ein Experiment mit Wohnexpertinnen und Wohnexperten, wie Angelika Fitz zum Auftakt des Tauschevents in ihren einleitenden Worten sagte. „Denn wer, nicht wir, kennt das eigene Wohnen am besten?“ Ein bisschen kennen wir jetzt auch das Wohnen von Hans und Anita.

von Wojciech Czaja