Arm und Reich

Über Kinderarmut und künstlerische Teilhabe

von Tina Leisch

Am 20. November 1989 wurde die UNO-Kinderrechtskonvention beschlossen. Um das zu feiern, haben wir, das KünstlerInnenkollektiv Die Schweigende Mehrheit gemeinsam mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien und dem Jungen Volkstheater, das Theaterstück ‚Kinderfressen leicht gemacht‘ entwickelt.

Dafür haben wir 17 Workshops in verschiedensten Schulen, Jugendzentren, Parks, WGs, bei Interface (einem Bildungsprojekt für geflüchtete Jugendliche), im *Peppa-Mädchencafé und bei den Sommerferien der Wiener Jugenderholung durchgeführt. Wir haben dabei darauf geachtet, dass Kinder aller Schichten und verschiedenster Herkunft daran teilnehmen. Über 400 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren haben in den Workshops Szenen zum Thema Kinderrechte improvisiert.

Die Szenen, die die Kinder und Jugendlichen sich ausgedacht haben, behandelten Konflikte, die sie selber erlebt oder die sie in den Medien mitbekommen hatten. In vielen Improvisationen ging es um Mobbing, um Gewalt gegen Kinder, um Dinge, die wir hier billig kaufen können, weil sie woanders von ausgebeuteten oder versklavten Kindern hergestellt wurden. Aber auch Zwangsverheiratungen, Scheidungskriege zwischen den Eltern, religiöser Zwang und Konflikte mit unfähigen LehrerInnen oder einem ungeeigneten Schulsystem waren Themen. Aus dem Material der vielen Improvisationen haben wir „erwachsenen Theaterleute“ vom Theaterkollektiv Die Schweigende Mehrheit dann das Stück ‚Kinderfressen leicht gemacht‘ geschrieben.

Es handelt einerseits von drei Wiener Kindern, Nora, Damian und dem Zuckerengel, die Probleme zuhause und in der Schule haben und sich zusammenschließen, um sie zu bewältigen, und andererseits von Kindern im Kongo, die unter schrecklichen Bedingungen arbeiten müssen und nicht in die Schule gehen dürfen, weil sie Coltan schürfen, einen Rohstoff, der für die Herstellung unserer Smartphones gebraucht wird. Es gab kein Casting, sondern wir haben alle 400 WorkshopteilnehmerInnen und dazu noch die Jugendlichen des Jungen Volkstheaters eingeladen, als SchauspielerInnen teilzunehmen. Aber nur 35 Kinder und Jugendliche sind schließlich bei der Uraufführung am 21. Oktober im Volkstheater auf der Bühne gestanden. Schließlich war die Bedingung fürs Mitspielen, dass man bereit sein musste, sehr viel Freizeit der sehr intensiven Probenarbeit zu widmen.

Unter den 35 SchauspielerInnen waren überdurchschnittlich viele Jugendliche aus den Gymnasien. Woran das liegt? Wissenschaftlich untersucht haben wir es nicht, aber einige Beobachtungen dazu können wir beisteuern. In den Familien, in denen die Eltern schon Matura oder Universitätsabschluss haben, gibt es ein wertschätzendes Wissen um die Bedeutung eines Auftrittes im Volkstheater, von dem manche Eltern der ärmeren Kinder oder der geflüchteten Familien niemals etwas gehört hatten. Reichere Familien haben mehr Kapazitäten fürs Hinbringen und Abholen der jüngeren Kinder, für Begleitung zu gemeinsamen Theaterbesuchen, für Organisation des Familienlebens nach Maßgabe der Probenpläne. Etliche der älteren Jugendlichen von der Business Academy und von Interface konnten trotz großen Interesses und Talents nicht am Theaterprojekt teilnehmen, weil sie arbeiten müssen, um zum Familieneinkommen beizutragen und sie schlicht neben Schule, Lernen und Nebenjob gar keine Zeit mehr für Hobbies oder anderes Engagement haben.

Wir haben versucht, so gut wie möglich diese schlechteren Startbedingungen im Projekt auszugleichen, Kinder abzuholen oder nach Hause zu bringen, deren Eltern dafür keine Zeit hatten, die Probenpläne nach den Bedürfnissen der arbeitenden Jugendlichen einzurichten, für SchauspielerInnen mit nichtdeutscher Familiensprache und starkem Akzent ein besonderes Aussprache-Coaching anzubieten. Aber Kinderarmut und strukturelle Benachteiligung lassen sich nicht nur mit gutem Willen und nicht im Rahmen eines Kunstprojektes überwinden. Wir haben also bei dem Projekt nicht nur die Dinge gelernt, die man im Stück auf der Bühne sehen kann, sondern wir mussten erkennen: Auch in Wien haben zwar alle Kinder die gleichen Rechte, aber Kinder von reichen und gebildeten Eltern haben oft viel bessere Chancen, aus ihren Talenten etwas zu machen, ihre Fähigkeiten zur Geltung zu bringen und das kulturelle Angebot der Stadt Wien auch zu genießen. Aber wenn ein Kind aus einer Familie, die noch nie im Theater war, plötzlich bei so einem Projekt mitspielt, dann kommt die ganze Familie zum Zuschauen. So hat sich das Volkstheater bei unserer Premiere Teilen des Volkes geöffnet, die vorher nicht einmal von seiner Existenz wussten. Wir wünschen uns sehr, dass die Stadt Wien noch mehr darauf schaut, dass wirklich alle Kinder und Jugendlichen in unserer Stadt ihre Talente entfalten und ihren Leidenschaften nachgehen können, egal ob ihre Eltern reich oder arm sind. Am besten wäre es, dafür zu sorgen, dass gar kein Kind mehr in Armut aufwachsen muss. Nirgends auf der Welt und schon gar nicht in so einer reichen Stadt wie Wien.