„Auch Leute, die nicht alle zehn Tage auf eine Vernissage gehen,
haben ein Interesse an Kunst.“

Den 21. Bezirk verbindet man nicht unbedingt mit zeitgenössischer Kunst. Das will TETE A TETE ändern. Das Ziel des Floridsdorfer Stadtlabors ist es, durch das offene Atelier sowie die inszenierten künstlerischen Interventionen mit der Öffentlichkeit in Dialog zu treten und die Kunstszene in die Randbezirke hinauszutragen. Initiator und Künstler Karim El Seroui über das Projekt.

Warum ist dir dezentrale Kulturarbeit überhaupt ein Anliegen?
Weil sich in Wien alles in den inneren Bezirken zentralisiert, in den Randbezirken gibt es derzeit noch kaum Kulturarbeit und Kulturinstitutionen. Kultur gehört mehr nach außen geöffnet und sollte nicht nur manchen wenigen vorbehalten bleiben.

Warum gerade Floridsdorf?
Floridsdorf ist einer der größten Randbezirke, doch leider herrscht dort viel Leerstand und es wirkt ein bisschen „ausgestorben“. Der Bedarf nach Kultur ist da, aber das Angebot fehlt.

Wie will das TETE A TETE/ Stadtlabor Floridsdorf dem entgegenwirken?
Prinzipiell gehören zu dem Projekt der Creative Cluster in der ehemaligen Traktorfabrik im Industriegebiet Floridsdorf sowie das Atelier am Schlingerhof/Floridsdorfer Markt. Auch die Akademie der bildenden Künste Wien ist Kooperationspartner. Diese ist mit dem ArtStart Stipendiatinnen Programm vertreten, und hatte auch die Jahresausstellung im Rahmen der Vienna Art Week und des Stadtlabors im Creative Cluster. Zusätzlich setzen wir den Fokus auf den Projektraum im Schlingerhof, weil es bei der Traktorfabrik Probleme mit dem Eigentümer gab.

Der Raum am Schlingerhof fungiert auf zwei Standbeinen: als offenes Atelier und durch inszenierte künstlerische Interventionen. Das offene Atelier steht inmitten des Floridsdorfer Marktes und dort arbeiten vier Künstlerinnen als Art Residents von Oktober bis Ende Februar an ihren künstlerischen Werken. Die Anrainerinnen des Schlingerhofs können durch die Auslage zusehen, wie diese Werke entstehen, sie können hineingehen, Fragen stellen und in den Dialog treten. Zudem wird der Projektraum mit Performances und Ausstellungen bespielt. Im künstlerischen Fokus stehen der Abbau von sozialer Distanz & Verständigungsproblemen.

Wie erreicht ihr die Leute vor Ort?
Die Jahreszeit spielt uns leider nicht in die Hände, wäre es wärmer, könnten wir den Markt optimal nutzen und die Marktbesucher noch stärker einbinden. Es ist eben neu und viele Leute stehen davor und trauen sich nicht hinein. Wir erreichen aber immer mehr Menschen vor Ort. Vor allem die Marktstandler sind begeistert. Anhand von verschiedenen Interventionen treten die KünstlerInnen in den Dialog mit den AnrainerInnen. Zum Beispiel bei „Von Händen“ haben die Künstlerinnen Anna Khodorkovskaya und Anna Riess direkt mit den Marktstandlern Kontakt geknüpft, es wurden in Folge dessen Objekte künstlerisch reflektiert, interpretiert und im Kontext des Prozesses des Selbstgemachten in der Ausstellung gezeigt. Zusätzlich können die FloridsdorferInnen bei Workshops und Performances aktiv mitwirken und Arbeiten mitgestalten.

Warum braucht es für die Leute vor Ort so ein Projekt?
Auch Leute, die nicht alle zehn Tage auf eine Vernissage gehen, haben ein Interesse an Kunst. Man muss nur bestehende Barrieren und Verständigungsprobleme abbauen. Das erfordert natürlich Überzeugungsarbeit. Man kann durchaus avantgardistische hochschwellige Kunst bzw. Exzellenz schaffen, die jeden anspricht. Auch diese Form von Kunst sollte nicht nur „den Oberen“ vorbehalten sein. Das dauert halt seine Zeit.

Welche Rückmeldungen bekommt ihr?
Eigentlich nur positive, Beschwerden gab es keine. Die Frage, die uns oft gestellt wird, ist: „Was passiert danach?“ Die Leute finden es schade, dass wir nur bis Februar da sind. Wir bekommen auch viele Anfragen von KünstlerInnen, die selbst künstlerische Interventionen, Ausstellungen oder Konzerte machen möchten. Der Wunsch nach einem dauerhaftem Stadtlabor ist auf jeden Fall stark zu spüren.

Bevorstehende Veranstaltungen von TETE A TETE/Stadtlabor Floridsdorf:

Was? HI ‚ICH BIN BEIM KARPFENKÖNIG – Abschlussausstellung der Art Residency, Anastasiya Yarovenko, YYY! (Miroslava Svolikova), Daniela Zahlner, Jelena Micić
Wann? 5. Februar 2020, 18-22 Uhr:
Wo? Projektraum Schlingerhof/Floridsdorfer Markt, erreichbar mit Strassenbahn 30,31 vom Bhf Floridsdorf

Was? SPACES INBETWEEN – Performance, Interdisziplinäre Ausstellung, Abschlussveranstaltung Stadtlabor Floridsdorf
Wann? 28. Februar 2020, 18-22 Uhr:
Wo? Projektraum Schlingerhof/Floridsdorfer Markt, erreichbar mit Strassenbahn 30,31 vom Bhf Floridsdorf

Was? Offenes Atelier
Wann? Bis 18. Februar 2020, Donnerstag 14:00 – 19:00, Freitag 11:00 – 16:00, Samstag 10:00 – 15:00
Wo? Projektraum Schlingerhof/Floridsdorfer Markt, erreichbar mit Strassenbahn 30,31 vom Bhf Floridsdorf