Die EXPO Gemeindebau ist eröffnet!

„Solarität bauen“ prangt über dem Eingang der Waschhalle Wienerberg. Je länger der große Eröffnungsabend wird, desto eindringlicher erstrahlt die rote Leuchtschrift im Fliederhof. Sie ist die Arbeit von Marko Lulić, der damit Sinn und Zweck, aber auch erhoffte gesellschaftliche Folgewirkungen des sozialen Wohnbaus thematisiert.

Im Inneren der Ausstellungsräumlichkeiten spielen zwei Mädchen Verstecken zwischen mehreren bodenlangen Flaggen. Sie geben Einsichten in die Lebensweisen, -welten und -gefühle von BewohnerInnen des George-Washington-Hofs wieder. Grafikdesigner Peter Duniecki erfragte Wünsche, Befürchtungen und Erwartungen von den NachbarInnen, aber auch Leibspeisen, Erinnerungsobjekte und die liebste Fernsehsendung. Herausgekommen ist „Daheim“, eine imposante, raumgreifende Arbeit in roten, weißen und schwarzen Lettern.

Ein süßlicher Duft steigt in die Nase. Er stammt von den Seifenobjekten nebenan, die Maureen Kaegi aus einem Efeu-Auszug herstellte. Von der Geschichte des Ausstellungsortes inspiriert – einer Zentralwaschküche des Roten Wien, die den Frauen Erleichterung versprach, sie aber auch einem strengen Regime unterstellte – beschäftigte sich die Künstlerin mit dem Themenkomplex Waschen, Frauenarbeit und Wissensaustausch. So erfuhr sie vom hohen Saponingehalt im Efeu, der sich somit zum Wäschewaschen eignet.

Um Erinnerungsarbeit geht es auch im Werk von Dejan Kaludjerović. Ausgehend vom ideologisch motivierten Mord am italienischen Sozialisten Giacomo Matteotti im Jahr 1924 zeigt er das Gesicht des faschistischen Täters in Form einer Stickerei auf einem blutroten Hintergrund. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser als Collage aus proletarischen Zeitungsartikeln und Noten des Widerstandsliedes „Bella Ciao“.

„Dance, Dance, Dance!“ ertönt es immer wieder von der hinteren Wand der Waschhalle. Hier zeigt Christina Werner ein Tanzvideo, in dem fünf Performerinnen eine Choreographie von in Archiven aufgespürten und neu interpretierten Bewegungsabfolgen aus der Zwischenkriegszeit tanzen. Das Setting ist der George-Washington-Hof, der im selben historischen Kontext erbaut und nach dem ersten US-Präsidenten und leidenschaftlichen Tänzer benannt wurde.

Daneben bietet eine Projektion von Caroline Heider Einblick in die (Bild-)Welt von „Digital Natives“. Sie hat Jugendliche in Wohnhausanlagen der Stadt Wien fotografiert, und zwar auf jene Art und Weise, wie sie in sozialen Medien posieren würden. Diese Art von professionell hergestellten „Selfies“ hat die Fotografin zu sogenannten „Posing Charts“, Körperhaltungen zum Nachahmen vor der Kamera, verarbeitet.

„Topfpflanzen geht’s spazieren“ heißt die Installation von Marianne Lang, die sich mit der Verbindung von Natur und Gesellschaft beschäftigt. Sie bat BewohnerInnen des als Gartenstadt konzipierten George-Washington-Hofs um Ableger ihrer Zimmerpflanzen, die nun in der Ausstellung gehegt und gepflegt werden, um danach von InteressentInnen wieder mit nach Hause genommen zu werden. So wie die Pflänzchen letztlich verschiedene Menschen verbinden, kreuzt die Künstlerin die Stecklinge auch zeichnerisch, indem sie fiktive Pflanzenskizzen präsentiert.

Berühren und Betreten erwünscht! Im Zentrum der EXPO befindet sich der „Pavillon der fliegenden Wolken“. Ludwig Frank baute ihn mit Hilfe von AnrainerInnen um eine der tragenden Säulen der Waschhalle herum. Die asiatisch anmutende Architektur aus gelblich-grün lasierten Fichtenstangen lädt zum Spielen, Verweilen, Diskutieren, Erklettern und Entspannen ein und soll zum öffentlichen Ort der Begegnung werden.

Für Gruselmomente sorgt eine riesige, fluoreszierende Tigermücke in den Nassräumen der Halle, die das Denguefieber in Bangladesch thematisiert. In der medialen Berichterstattung weitgehend ausgespart, erfuhr Stefan Waibel beim Gassigehen von der grassierenden Epidemie; und zwar von einem benachbarten Hundebesitzer, dessen Familie aus Bangladesch stammt. Dieser wurde in die Produktion der Moskito-Skulptur kurzerhand eingebunden.

Die Videoarbeit „The Working Body As An Archive“ von Veronika Burger macht die ehrenamtliche Frauenarbeit sichtbar, die hinter den „Roten Nelken“ für den Tag der Arbeit steckt. Die Reduktion auf den gestischen Arbeitsablauf offenbart das in den weiblichen Körper eingeschriebene Bewegungswissen, das durch die Herstellung von hunderten von Symbolträgern der Sozialdemokratie entstanden ist.

Medial divers und inhaltlich höchst facettenreich, eint die Schau gleich mehrere rote Fäden: Alle teilnehmenden KünstlerInnen arbeiten oder leben selbst in Wiener Gemeindebauten. Für die EXPO Gemeindebau entwickelten sie ortsspezifische Arbeiten, die unter Einbezug von GemeindebaubewohnerInnen entstanden und sich mit dem Spannungsfeld zwischen Utopien und Lebensrealitäten – seien es vergangene oder aktuelle – auseinandersetzen.

Die Gruppenausstellung in der Waschhalle Wienerberg ist bis 30. Oktober zu sehen und wird von einem interaktiven Rahmenprogramm begleitet.

von Sandra Voser