Die singende, tanzende, verstörende Friederike

Sonntag, 6. Oktober 2019
Ludwig-Zatzka-Park, S-Bahn-Station Breitensee, Wien-Penzing

Summen. Schnalzende Zungen. Ein paar glasklare Obertöne in Kopfstimme. Und dann setzen sich die 20 Sängerinnen und Sänger im Ludwig-Zatzka-Park, im Rücken die S-Bahn-Station Breitensee, in Bewegung, ziehen kreisende Schritte um die pneumatische, mit Luft gefüllte Konstruktion und stemmen schließlich Friederike in die Höhe.
„Man weiß nicht wirklich, was hier passiert und was die Menschen hier mit dem Gebilde machen“, sagt Barbara Eichhorn. „Aber man muss nicht immer alles sofort verstehen. Das Wichtigste ist, neugierig zu sein und sich auf das einzulassen, was da ist. Außerdem ist diese Installation ein visueller und akustischer Genuss.“ Die bildende Künstlerin ist mit dem Rad gekommen und hat auf einer der Parkbänke Platz genommen, eine Flasche Wasser neben sich, eine Decke am Schoß, ein breites Lächeln im Gesicht. Und dann setzt sie fort: „Ich habe die singenden und sich unter dem Dach bewegenden Menschen ein paar Minuten lang beobachtet, und das Bild, das sich bald einmal einstellt, ist: Manchmal braucht es eben die Gemeinschaft, den gemeinsamen Willen, um eine Idee zu tragen und etwas Großes aufzubauen.“
Die Chorgemeinschaft am heutigen Samstag, die Sonne hat sich durch die Wolkendecke gekämpft, der Wind pfeift den Sängerinnen und Perfomance-Künstlern um die Ohren, besteht aus 20 Mann und Frau, die sich unter der Leitung des Künstlers Daniel Aschwanden und des Wiener Architekten Michael Wallraff unter einer teils einstudierten, teils spontan entstandenen Choreografie dem Gebilde Friederike widmen. Friederike, muss man wissen, ist ein bewusst verstörend gewählter Titel, der sich auf das gleichnamige Sturmtief bezieht, das vor einigen Monaten, als Daniel und Michael ihr Projekt konzipierten, zornig über Europa zog.
Michael: „Friederike ist ein schräger Name, der sich einem einprägt.“ Daniel: „Friederike ist die Beschützende.“ Michael: „Manche Dinge sind eben höhere Gewalt. Man kann ihnen einfach nicht entkommen.“ Genau das ist das Prinzip von Kunst im öffentlichen Raum. Denn im Gegensatz zur Hochkultur, die im Museum, im Theater, im Konzerthaus zu bewundern ist, kann man sich der Kunst, die wie zufällig mal da, mal dort aufschlägt und sich das städtische Leben und ihre Flaneure und Akteurinnen einverleibt, nicht entziehen. Eine Mutter mit Kinderwagen geht vorbei, lacht, bleibt kurz stehen, fragt eine der Sängerinnen, was hier gerade vor sich geht. Ein Mann mit Hund bleibt kurz stehen, schüttelt den Kopf, setzt seine Reise nach wenigen Sekunden wieder fort. Zwei Jugendliche fahren mit dem Skateboard durchs Geschehen, als ob nichts wäre.
„Friederike ist der Versuch, den Menschen mit dem Raum zu verbinden“, sagt Michael. „Es geht um die maximale Interaktion zwischen Mensch- und Raumhülle.“ Doch, so Daniel, es gehe dabei keineswegs um das Spektakel um jeden Preis. „Wir freuen uns über jeden, der die Einladung annimmt und sich einbringt. Es muss aber nicht sein. Man kann auch anonym und unbeteiligt bleiben. Viele Menschen gehen am Weg zur S-Bahn einfach nur durch. Und trotzdem, vielleicht schärfen sie ganz unbewusst auch in diesem schnellen Durchschreiten ihre Sinne und ihr Gespür.“
Genau das war die Intention der Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Die von ihre initiierten Stadtlabore, die sich neben Friederike in einem Dutzend weiterer Projekte im öffentlichen Raum niederschlagen, haben die Aufgabe, die hohen Kulturhäuser in der Wiener Innenstadt zu entlasten und ihre bildenden und darstellenden Künste auch in die Außenbezirke hinauszutragen. „Wien ist in den letzten Jahren massiv gewachsen“, sagt Kaup-Hasler im Interview, während im Hintergrund Friederike weiterhin im Himmel tanzt, während Wolfgang Staribacher in der Zwischenzeit zu seinem Akkordeon gegriffen hat und die Performance nun tat- und stimmkräftig unterstützt.
„Und in diesem Wachstum“, sagt sie, „müssen wir auch die Kunst und Kultur mitdenken. Ich bin dezidiert gegen Bespaßung, die im Nachhinein über ein fertiges Stadtgebiet und über seine Bewohnerinnen und Bewohner gestülpt wird. Es geht um einen sozialen und physischen Raum, der direkt vor Ort Schwellen abbaut und der sich entfalten kann. Es geht um punktuelle, temporäre Zeichen, die man setzt. Im Zweifelsfall einfach tun, sonst dürfen wir eines Tages gar nichts mehr! Das macht etwas mit einem! Das ist das Abenteuer Kunst!“
Ein paar Meter von der Performance entfernt, hinter den Parkbänken und neben dem Gebüsch, sitzen Adelia Latorre Ruíz und Miguel Lucas Ferrandéz. Sie haben eine Picknick-Decke ausgebreitet und es sich mit Limonaden, selbst gebackenem Brot aus der Solarküche und diversen mitgebrachten Aufstrichen bequem gemacht. „Wir sind hier schon seit zwei Stunden und schauen wie gespannt zu“, sagen die beiden, die aus Murcia, Spanien, für ein paar Tage in Wien zu Besuch sind. „Irgendwie hat es uns hierher nach Penzing verschlagen. Und plötzlich ist man inmitten von Menschen, die mit schönem Gesang, langsamen Bewegungen und blauen Arbeitsanzügen eine wunderbare, unglaubliche Ruhe hier im Park verströmen. Die Leute bleiben stehen und schauen zu. Es füllt sich mehr und mehr. Man muss nicht zur Kunst gehen, die Kunst kommt zu dir. Du kannst sie nicht übersehen und nicht überhören. Sie ist einfach da. Und du musst dich mit ihr auseinandersetzen.“
Summen. Schnalzende Zungen. Ein paar glasklare Obertöne in Kopfstimme. Und dann wird Friederike wieder zu Boden getragen und Stück für Stück abgebaut. Mit der Sonne und den Stimmen verschwinden nach und nach die Penzinger aus dem Park. Kunst kennt keine Grenzen. Sie ist immer und überall.

von Wojciech Czaja