Ein Dorf zum Derappeln

Das VinziDorf in Wien-Hetzendorf bietet 24 Wohnplätze für Langzeit-Obdachlose, und zwar auf Lebenszeit, ohne daran irgendwelche Bedingungen zu knüpfen. Das ungewöhnliche Heim besteht aus einzelnen Miniwohnhäuschen für all jene, die sich mit Nähe und klassischen Sozialeinrichtungen schwertun. Einer von ihnen ist Joschi B.

„Weißt, ich war ein ganz normaler Hilfsarbeiter, habe als Maurer in einer Baufirma g’hackelt. Eines Tages hatte ich einen Autounfall als Beifahrer. Zwölf Schrauben und eine Metallplatte haben’s mir ins Bein geschraubt, seit damals darf ich nix mehr derheben. Danach hat mich meine Frau mit meinem besten Freund betrogen. Von heut auf morgen war alles weg.“ Joschi nimmt immer wieder einen Schluck von seiner Bierdose. Bier und Wein sind hier erlaubt. Zum Glück, sagt er. Harte Getränke hingegen sind im ganzen Dorf verboten. Das passt schon so, sagt er. Man soll sich ja nicht niederschütten. „Da bin ich also. Des is mei G’schicht.“
Joschi B. ist obdachlos. Acht Jahre lang hat der 56-Jährige auf der Straße gelebt. Die Hände sind rot und wund von der Kälte. Die zerrende Lebensgeschichte hat sich ihm wie eine Furchenlandschaft ins Gesicht geschrieben. „Im Winter stand dann plötzlich eine Sozialarbeiterin neben meiner Matratze unter der Philadelphiabruckn und hat mich g’fragt, ob ich nicht mitgehen mag. Sie hat da ein Zimmer für mich, hat sie g’sagt, da kann ich bleiben, solang wie ich will.“ Joschi B. hat seine Sachen gepackt und ist mitgekommen. Und war damit der allererste Bewohner des VinziDorfs an der Ecke Hetzendorfer Straße 117 und Boërgasse 5, 1120 Wien, das Ende letzten Jahres eröffnet wurde.
Das VinziDorf umfasst 24 kleine Wohneinheiten und versteht sich als Auffangbecken für all jene, die schon so lange ohne Haus und ohne Familie durchs Leben vagabundieren, dass eine Resozialisierung nicht oder nur in ganz kleinen Schritten möglich ist. „Dieses Dorf ist eine Obdachloseneinrichtung für all jene, die durch alle gesellschaftlichen Raster durchgefallen sind und die nirgends mehr hingehen, weil sie überall sozial verstoßen werden“, sagt der Grazer Pfarrer Wolfgang Pucher, der in der steirischen Landeshauptstadt schon vor 25 Jahren mit einem VinziDorf und einem herumfahrenden VinziBus startete. „Hier heißen wir genau diese Menschen herzlich willkommen. Sie müssen nichts tun. Sie dürfen bedingungslos bleiben.“
Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist aber nicht nur dem in Wien und Graz tätigen Verein Vinzenzgemeinschaft zu verdanken, sondern vor allem auch der Hartnäckigkeit zweier unermüdlich kämpfender Architekten, die vor vielen Jahren beschlossen haben, ihre Arbeitszeit statt in sinnlose, unbezahlte Architekturwettbewerbe hineinzubuttern, lieber in ehrenamtliche Tätigkeit zu investieren: Ulrike Schartner und Alexander Hagner vom Wiener Architekturbüro gaupenraub +/-. Einen Teil dieses Projekts realisierten sie pro bono, und dafür gebührt ihnen ein ordentlicher Applaus.
„Wenn man Architektur ernst nimmt und Wohn- und Lebensräume für Menschen schaffen will“, sagt Schartner, „dann muss man auch an diejenigen denken, die sich nicht einmal den allerbilligsten Heimplatz leisten können.“ An Joschi zum Beispiel. Viele Male drohte das ungewöhnliche Bauvorhaben zu scheitern. Einmal aufgrund von formalen Mängeln, wie es heißt, ein andermal aufgrund nicht erfüllter Widmungsvorschriften, dann wiederum, weil die Nachbarinnen und Anrainer Einspruch erhoben oder schlichtweg ihre Unterschrift verweigert haben. Erst beim vierten Anlauf konnte die Baupolizei dem Projekt grünes Licht geben.
Wie es sich für ein Dorf gehört, besteht auch dieses Dörfchen aus lose nebeneinander stehenden, teils bunt verkleideten Minihäuschen. Die Dorfstruktur übrigens ist keineswegs Zufall, sondern ist der jahrelangen empirischen Erfahrung der Vinzigemeinschaft geschuldet: Viele Männer, die hierher kommen, haben sich so lange als einsame Wölfe durch brütende Sommerhitzen und frostige Winterstürme geschlagen, dass sie soziale und räumliche Nähe heute nur noch schwer aushalten. Ein gemeinsames Dach hält die in Holz- und Ziegelbauweise errichteten, acht Quadratmeter großen Wohnboxen zusammen und schafft so etwas wie die Idee einer verbindenden Einheit.
Beim Material handelt es sich zum Teil um Sachspenden von Wienerberger (Ziegel), Internorm (Fenster) und Eternit (Fassade). Tatkräftige Unterstützung kam von der HTL Mödling, die im Rahmen eines Semesterprojekts die Konstruktion kalkulierte und den Holzbau vor Ort eigenhändig zusammenzimmerte. Mit all dieser Hilfe konnten die Baukosten des VinziDorfs, das neben den bunten Häuschen auch die Sanierung von zwei ehemaligen, komplett baufälligen Stallungsgebäuden umfasst, auf unter 1,5 Millionen reduziert werden.
„Magst schauen, wie ich wohn?“ Joschi steht vor einem grauen Häuschen, auf der Tür hat jemand mit einer Schablone die Zimmernummer 13 aufgesprüht. „Ich mag Grau, 13 ist meine Lieblingszahl, und hinter der Tür da drinnen, wo’s schön warm is, kann ich mich endlich wieder hochleben und a bissl derappeln. Des is wie a Sechser im Lotto!“
Spendenkonto: VinziDorf Wien, AT71 2011 1288 4708 7100

von Wojciech Czaja