Ihr habt mich gerade aus eurer Stadt gewählt!

Das Labor der Entscheidungen als Erfahrungsraum

von Malte Andritter
Vor mir stehen 40 Kinder im Alter von 13 Jahren in einem Feld mit einem roten X. Im Feld mit dem Ausrufezeichen stehen wenige Kinder, die verzweifelt nach Argumenten ringen. Mit einem Mikrofon stehe ich auf der Treppe des Zuschauerraumes. Meine Stimme zittert, Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich höre mich sagen: „Ihr habt mich gerade aus eurer Stadt gewählt!“

Das Labor der Entscheidungen ist ein neues Theaterformat, welches wir vom Jungen Volkstheater mit zwei Künstlern vom Turbotheater aus Villach entwickelt haben. In Kooperation mit WienXtra suchten wir für dieses Labor acht Schulklassen, mit denen wir den Vorgang des Entscheidens erforschen wollten. Die Künstler sind in die Schule gegangen, um herauszufinden, was die Kinder auf der Bühne sehen und machen möchten und welche Utopien sie für diese Stadt haben: „In meiner Stadt gibt es Fantasiewesen wie Vampire, Zombies und Aliens, gratis Essen ohne Ende, weniger rassistische Menschen, Bäume, die 200 Meter hoch sind, und viele Sachen, die man sich leisten kann.“ „In meiner Stadt ist jeder stylish und modern.“ „In meiner Stadt stirbt kein einziger Mensch, der sehr nett war, sondern wird ein Stern, der uns immer sieht.” „In meiner Stadt fliegen Kühe um die Wette.“ „In meiner Stadt darf ich zur Schule kommen, wann ich will.“ „In meiner Stadt gibt es viele Autos, sehr leckere Schnitzel und keine Regeln.“ …

Zwei Wochen später im Volx/Margareten: Viele gewünschte Requisiten wie Schlagzeug, Tiermasken und Fußbälle wurden herangekarrt, dazu ein Speakers Corner installiert, in dem die selbst geschriebenen Texte vorgetragen werden. In der Mitte der Bühne befinden sich zwei große Abstimmfelder. Das X steht für „Dagegen“, das Ausrufezeichen für „Dafür“. Viele Entscheidungen werden getroffen. Bewusst und unbewusst. Es wird argumentiert und diskutiert. Alles wird von den Kindern bestimmt. Die beiden Künstler Andreas und Stefan führen durch den zweistündigen Vormittag und provozieren dabei so manche Entscheidung. Als ExpertInnen der Entscheidung sind VertreterInnen aus Politik, Kunst und Wirtschaft eingeladen. Auch für sie ist der Austausch eine neue Erfahrung. Peter Walder (Agrarökonom): „Wir forschen sehr viel und umfangreich zum Thema Nachhaltigkeit. Eine oft übersehene Dimension ist die Auswirkung auf zukünftige Generationen und der Erhalt der Optionen für diese. Im Labor wurde mir klar, dass wir das ernst nehmen sollten.“ Aber nicht nur bei den ExpertInnen wirkt das Experiment nach. Eine Lehrerin schreibt mir, dass es noch auf dem Nachhauseweg in der Straßenbahn hitzige Debatten gab. Sie bittet mich, die Klasse noch einmal im Unterricht zu besuchen, um über meinen Gefühlsausbruch zu sprechen.

Wie es dazu kam? Nachdem diskutiert wurde, ob nur Buben Mädchen Komplimente machen und Mädchen sich gegenseitig keine machen dürfen, da sie dann ja lesbisch seien, nehmen die beiden Künstler diesen Impuls auf, um über Homosexualität abzustimmen. „In meiner Stadt dürfen Homosexuelle leben. Dafür oder dagegen?“ Nun sitze ich also da, zehn Minuten vor Ende des Labors, als stiller Beobachter, und mir wird bewusst, dass sich fast alle 40 Kinder auf das Feld mit dem großen roten X gestellt haben und sich somit gegen Homosexuelle in ihrer Stadt entscheiden. Aber diese Erfahrung ist nicht nur ein Schock, sondern auch eine Bereicherung. Denn auf diese Weise werden Erfahrungs- und Diskussionsräume geschaffen, die im Schulalltag so wahrscheinlich nicht vorhanden sind. Die Verbindung zwischen einer Entscheidung und der direkten Auswirkung auf die Gefühle einer anwesenden Person bewegt alle Beteiligten.

In den folgenden Wochen recherchieren die Kinder viel über Sexualität und löchern mich bei meinem Schulbesuch mit persönlichen Fragen: „Wann haben Sie richtig akzeptiert, dass Sie homosexuell sind?“ „Wie haben Ihre Eltern reagiert?“ „Tragen Sie auch Frauenkleider?” „Wie haben Sie gemerkt, dass Sie schwul sind?“ „Werden Sie vielleicht noch mal normal sein?“ „Haben Sie einen Freund?“ „Haben Sie auch Familie oder Freunde dadurch verloren?“ Wir haben viel über unser Zusammenleben gelernt in diesen Wochen. Wer beeinflusst meine Entscheidungen? Entscheide ich immer frei? Und warum entscheide ich mich gegen etwas, wenn ich es nicht kenne? Und ja, ich kann eine Situation neu bewerten und meine Entscheidung ändern. So wie die Klasse, die ich besucht habe. Viele Vorurteile konnten abgebaut werden. So sehe ich unser Vorhaben, mehr künstlerische Teilhabe durch bereitgestellte Erfahrungsräume zu schaffen, als eine Notwendigkeit in unserem Miteinander. Denn wir sind alle Teil dieser Stadt.