Kino für die Ohren

Im Stadtlabor Floridsdorf, im Creative Cluster in der ehemaligen Traktorfabrik im Industriegebiet Floridsdorf, gibt es ein Akusmonautikum. Darunter versteht sich ein Soundatelier sowie Experimentier- und Präsentationsraum für akusmatische Musik. Dort gab Christian Tschinkel sein Konzert „Zeitzeugen“, wo mitunter auch echte Floridsdorfer über ihr Leben im 21. Wiener erzählten. Abgespielt wurde das Konzert auf 16 Kanälen und 24 Lautsprechern. Anwesende bezeichneten die Kombination der Klänge als „meditative Erfahrung“.
Der 46-jährige gebürtige Steirer Christian Tschinkel beschäftigt sich seit bald 20 Jahren mit akusmatischer Musik. Entwickelt hat er das Konzept einer Popakusmatik, die sich auf psychologischer und philosophischer Ebene mit der Wahrnehmung des Lautsprecherklanges zwischen Kunst, Musik, Sound und Design befasst.

Wie würdest du Akusmatik jemandem beschreiben, der noch nie etwas davon gehört hat?
Als Kino für die Ohren, in dem mit Hilfe von vielen im Raum verteilten Lautsprechern unterschiedlicher Qualität und Größe eine Klangkuppel aufgespannt wird, in der man sich hörend befindet. Man nennt dieses Wiedergabeinstrument Akusmonium und es wird von einem Klangregisseur bei einer Aufführung gesteuert, wodurch sich spezielle akustische Raumfiguren ergeben. Das ist die schnelle Erklärung.

Und was ist die lange Erklärung?
Ich bin mit dem Vergleich „Kino“ nicht wirklich einverstanden. Um eine einwandfreie Analogie herzustellen, müssten dort abstrakte bzw. sinnfreie Filme an allen Wänden plus an zusätzlichen Zwischenwänden gezeigt werden. Außerdem wissen wir, wenn wir ins Kino gehen, das ist alles Fake – die Schauspieler, das Set und heutzutage das ganze CGI usw. Man tut hier so „als ob“. Musik tut aber nicht so, als wäre sie etwas anderes. Sie ist einfach sie selbst, selbst wenn es sich um Programmmusik handelt, die auch etwas darzustellen versucht.
Entgegen dieser Behauptung kann Klang zum Beispiel technisch mit verschieden großen Räumen verhallt werden und man tut dann so, als ob er nun in einer Kathedrale oder „bloß“ in einer Garage spielt. Man sieht, ich lege hier bereits eine semantische Bewertung bezüglich der Klangqualität mit hinein, was zeigt, dass wir dem Klang so gut wie immer einen Bedeutungsgehalt beimessen. Würden wir das nicht, sprächen wir von Schall. Aber gehen Leute in eine Schall-Installation? All diese Fragen, Widersprüche und Betrachtungswinkel wirft die Beschäftigung mit Akusmatik auf. Als Akusmatiker jongliert und spielt man mit ihnen.

Man sieht, dass du sehr viel Leidenschaft für dein Schaffen verspürst. Was fasziniert dich denn an der Akusmatik so?
Da gibt es sehr viele Aspekte und ich kann hier nur einige nennen. Ein namhafter Musikwissenschaftler sagte, dass in ihr die Polyphonie der Welt zum Ausdruck kommt. Ich finde, das trifft es am besten, denn alles was klingt (noch besser gesagt, was hörbar ist), kann einbezogen werden. Automatisch bewegt man sich dadurch immer zwischen Musik und Sounddesign, zwischen Kunst- und Alltagswelt, zwischen Hoch-, Pop- und Subkultur.
Persönlich fasziniert mich, dass die Komposition in Form des digitalen Codes, der quasi in einem zeit- und ortlosen Etwas existiert, geformt wird, um bei seiner Aufführung in den Raum und in die Zeit projiziert zu werden. Das ist für mich eine weitere Metapher für die Welt resp. für unser ganzes Sein. Eine unsichtbare DNA, die sich im Hier und Jetzt realisiert und dabei Klang„bilder“ ver„körpert“, die auf die Hörenden ein- und/oder rückwirken. Etwas schlummert, was irgendwann irgendwo erlebt werden möchte, zum Ausbruch kommt, sich in seine Existenz katapultiert.

Und das macht nur die Akusmatik?
Natürlich kann man sagen, das macht eine Partitur und ihr Sinfonieorchester auch. Aber der Musique acousmatique ist dieses Denken inhärent, es ist immer Thematik und Teil ihres Wesens. Das andere ist die Bezugnahme auf das reduzierte Hören selbst. Man sieht keine agierenden Musiker in solch einem Konzert (wenn man es als solches bezeichnen will). Musik kommt aus einer anderen Sphäre. Das ursprüngliche Spiel im Tonstudio ist nicht mehr sichtbar. In der Musikgeschichte gab es viele Versuche, das so hinzubekommen. Wagner versteckte sein Orchester, Konzerthaustüren wurden geschlossen, Musiker draußen platziert, man baute Windharfen in der Landschaft oder die alten Ägypter blendeten sogar ihre Musiker, da Blinde als nicht anwesend galten. Heute gibt es Lautsprecher und die Tonaufzeichnung.

Was ist das Besondere an der Akusmatik?
Jede andere aufgenommene Musik wird ja für ihre mediale Wiedergabe immer nur optimiert, korrigiert, verbessert, letztendlich in ein besseres Licht gerückt (Stichworte: Quantisierung, Auto-Tune uvm.). Hier aber arbeitet man frei von fast allen Konventionen und ich darf verrückte Dinge tun, die woanders als „unnatürlich“ gelten. Ich muss mich nicht einmal um den Begriff der Klangtreue kümmern. Alles ist erlaubt und wird als authentisches Spiel mit musikalischen Parametern angesehen. Das macht alles zwar sehr interessant, aber nicht einfacher. Denn zum Beispiel macht es einem die Musikinstrumentenindustrie nicht gerade sonderlich leicht, aus unserer temperierten Stimmung auszubrechen. Wahrscheinlich arbeiten 99% aller Musiker in der westlichen Welt mit diesem alten Tonsystem.

Was inspiriert dich zu deinen Stücken?
Grundsätzlich der Kosmos. Das war früher spezifischer und es fällt mir immer schwerer, mich auf etwas „Irdisches“ oder „Profanes“ zu fokussieren. Klar bleibt meine Musik dieser Erde verhaftet, aber wenn man einmal erkannt hat, in welche Dimensionen sie und ihre spezielle Art der akusmatischen Wiedergabe führt, will man nicht mehr so leicht zurück. Auf meiner Website steht Science Fiction noch als Inspirationsquelle, aber selbst diese ist mir mittlerweile fast zu klein(kariert) geworden.

Was hat dich konkret zu „Zeitzeugen“ und „Composing Truth“ inspiriert?
„Composing Truth“ war ein Auftragswerk des Creative Cluster, der den Titel vorgab. Mit Titelgebungen hatte ich noch nie Schwierigkeiten. Ich liebe Wortspiele, weil auch sie mehrdimensional sind. Stammt der Titel nicht von mir, fällt mir trotzdem etwas ein, das meinem Wesen und auch dem des Stückes entspricht. „Komponierte Wahrheit“ führt natürlich in ungeahnte Sphären von philosophischen Betrachtungen und (In-)Fragestellungen. Durch die aufgezeichneten Interviews mit Floridsdorfer Zeitzeugen ließ es sich wunderbar an einem Stück arbeiten, das sich zwischen einem dokumentarischen Charakter, der uns an eine objektive geschichtliche Wirklichkeit glauben lässt, und einer transrealen Dekonstruktion dieses Materials bewegt.
Die Manipulation von Tonaufzeichungen schafft immer neue Wirklichkeiten, oft mit weitreichenden Folgen. Und somit habe ich eigentlich nur das gemacht, was Medien tagtäglich tun: „Wahrheiten“ komponieren – Zusammenstellen [lat.: componere] von einzelnen Elementen des (noch) (Un-) Wirklichen. Womöglich habe ich aber auch in diesem Stück nur so getan als ob.