Kultur im Gemeindebau. Oder wie man Menschen glücklich macht.

Was das jetzt für ein Wirbelsturm war, können wohl die wenigsten, die ihn erlebt haben, in Worte fassen (vielleicht hört und fühlt sich einfach genau so Kultur in der Jetztzeit an?) – aber in Erinnerung bleiben wird er bestimmt. Der Wiener Teppich #0.

Ich will dennoch versuchen, den Abend des 18. Oktober 2019 im Karl-Wrba-Hof in Favoriten zu beschreiben.

Zuerst einmal war da ein hunderte Meter langer Teppich mitten in der städtischen Wohnhausanlage ausgerollt. In Rot, versteht sich. Wie ein Magnet lockte er Jung und Alt an. Vor allem für Kinder bot er eine willkommene Bühne zum Spielen, Begehen und Performen. Und ihr Anteil am Publikum war beträchtlich.

Bald mischten sich die ortsansässigen PerformerInnen mit den eingeladenen KünstlerInnen: Die von Elena Kreusch und Arne Mannott inszenierte Show ging los mit einer Pantomime.

War er anfangs noch Unterhalter Nummer Eins, trat der Teppich alsbald in den Hintergrund. Das Spektakel breitete sich nämlich wie ein Lauffeuer aus: Auf schummrig beleuchtete Balkone, in grell angestrahlte Arkaden, auf Treppen und Vorplätze, aber auch auf einen für zeitgenössische Zirkusakrobatik verlegten Tanzboden, auf dem man davor ahnungslos stand. Wie schön, dass Gummisohlen auf dem nassen PVC richtig laut quietschen; so konnten auch die Jüngsten mit vollem Körpereinsatz ihren Beitrag zum Takt der Beatboxing-Einlage leisten. Mittendrin statt nur dabei.

Zeitweise war es schwierig, den Überblick zu behalten. Immerhin tummelte sich wohl mindestens ein Volkstheater voll Menschen in den bespielten Höfen des Gemeindebaus. Aber der Schwarmintelligenz ist es zu verdanken, dass man sich doch nie länger als zehn Sekunden umschauen musste, bis man die gerade aktuelle Licht-, Ton- oder Bewegungsquelle und somit den neuen Ort des Geschehens erspähte. Und die Choreographie gab den TeilnehmerInnen nicht selten die Dinge gleich selbst in die Hand, und zwar wortwörtlich: Etwa überdimensionierte Mikado-Stäbe am Ende einer Geschicklichkeitsvorführung oder Rundspiegel, mit denen gemeinsam ein Discokugel-Effekt an die Fassaden gezaubert wurde. Die Darbietungen wurden immer wieder gekonnt dramaturgisch begleitet vom Musiker Wolfgang Schlögl aka I-Wolf, der auch vor experimentellen Thereminklängen nicht halt machte.

Für Special Effects war ebenso gesorgt: So landeten gleich zu Beginn Schnappschüsse aus dem Publikum – ganz zum Vergnügen der Abgebildeten und ihrer Entourage – auf einer riesigen Projektionsfläche der sogenannten Senfbauten, in denen viele der vor Ort Anwesenden wohnen dürften. Später regnete es von den Dächern überraschend Pingpong-Bälle am Ende eines dort aufgeführten Trompetenkonzerts, das von einer Jonglier-Performance gerahmt wurde. Begeisterung pur.

Ob es Bewegungskunst, der 1. Wiener Gemeindebauchor oder ein Klarinetten-Solo war: Bravo und Zugabe! riefen die einen. Nein, das Nächste bitte! die anderen. Alles gipfelte im famosen Auftritt der Wiener Rap-Matadorin ESRAP, die unter anderem zusammen mit I-Wolf einen eigens produzierten Hochgesang auf das Leben im Gemeindebau zum Besten gab. Nach Dankesworten von Arno Rabl, Leiter des Stadtlabors Gemeindebau, und der Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler lud das wohnpartner-Team zum Ausklang ins BewohnerInnen-Zentrum und offerierte Himbeersaft und Würstel, auch in veganer Variante.

Somit gilt auch fürs Essen, was das Abendprogramm definierte: Nicht alles hat allen getaugt. Aber für alle war etwas dabei.

von Sandra Voser