„Learn to love“ oder der Voyeurismus am Leben der Anderen

Anton, acht Jahre, auf seinem Kopf ein Kappl mit einem Zitat der US-amerikanischen Architektin Denise Scott Brown, „Learn to love what you love to hate“, findet die ganze Angelegenheit nicht so aufregend, er liest derweil lieber in seinem mitgebrachten Buch. Seine Mutter allerdings, Corinna Töll, ihres Zeichens Architektin im Wiener Büro Franz & Sue, wohnhaft in 1070 Wien, freut sich auf zwei Tage Urlaub in der eigenen Stadt.
„Ich bin mit meiner Wohnung total zufrieden und brauche eigentlich keine Anregungen und Inspirationen mehr“, sagt sie. „Aber ich freue mich auf eine kleine Auszeit. Außerdem will ich meine Neugier stillen und sehen, wie andere Leute in einer anderen Altbauwohnung wohnen. Denn wenn man für zwei Tage Wohnung tauscht, ganz ehrlich, dann ist auch ein bisschen Voyeurismus dabei.“
In wenigen Minuten werden Corinna und Anton, immer noch vertieft ins Buch, mit ihren TischnachbarInnen die Schlüssel tauschen. „Wir haben zwar schon mal im Siebenten gewohnt, in der Burggasse, um genau zu sein, aber das ist schon lange her“, sagen Elisabeth und Peter Dagischer. Sie arbeitete früher im Tapezierergewerbe, er ist emeritierter Maschinenbau-Professor an der TU Wien. „Mal schauen, wie sich der Bezirk aus Bewohnerperspektive so verändert hat.“ Ob es einen Wunsch für die zwei Tage gibt? „Oh ja“, meint Elisabeth. „Ich bin interessiert am Wohnen. Ich möchte mir Anregungen und Inspirationen holen. Vielleicht werden wir ja das Eine oder Andere selbst umsetzen.“ Und gibt es auch eine Befürchtung? Peter denkt nach – und lacht etwas verlegen. „Ich fürchte mich ein bissl davor, dass es uns in Corinnas Wohnung besser gefällt als bei uns zuhause.“
Anton ist aus seinem Buch aufgetaucht. Gleich ist es soweit. Die Schlüsselbunde rasseln. „Ach, noch was“, sagt Corinna. „Wundert’s Euch nicht, wenn’s am Abend an der Tür klingelt! Manchmal läuten unsere syrischen Nachbarn an und bringen uns Essen vorbei, wenn sie was Gutes gekocht haben. Einfach annehmen oder ablehnen, wie es Euch beliebt!“ Heute Abend, Samstag, 21. September, könnten die Nachbarn mit dem Schmortopf in der Hand eine kleine, temporär binnenmigrantische Überraschung erleben.
Wie wir wohnen also. Und auch ein bisschen, wie wir leben. Ein Experiment mit ungewissem Ausklang. So ungewiss ist er auch nicht. Die vier lieben, worauf sie sich eingelassen haben. „Learn to love what you love to hate“, steht auf Antons blauem Kappl. Man müsste es tausendfach kopieren und tausendfach in der Bevölkerung verteilen.

von Wojciech Czaja