Musikdiwan – Sofakonzert im Schubertpark

Stell dir vor, ein Pianist gibt ein Konzert in deinem Wohnzimmer und du darfst mitmachen. So ähnlich haben die Bewohner*innen von Währing den „Musikdiwan“ erlebt.

Fünf Tage lang hat sich der italienische Pianist Marino Formenti im Mai dieses Jahres in den Schubertpark an sein Pianino gesetzt. Um ihn herum nicht wie üblich eine Bühne, Scheinwerfer und Stühle, sondern eine große Couch, bequeme Ohrensessel und Teehäferl für die PassantInnen. „Diwan“ bedeutet auf Arabisch gleichzeitig Sofa und Versammlung – man wollte diese entspannte Atmosphäre in einem Park nachbilden. Gemeinsam mit dem Währinger Kunst- und Kulturverein art18 entstand die Idee: „Lass uns eine Situation herstellen, wo die Menschen, wenn sie reinfallen, sich nicht wie in einem Konzert fühlen, sondern wie zuhause“, erklärt Formenti.

„Wollte nicht Vermittler spielen“

Wichtig war es dem Dirigenten und Performer nicht „Vermittler zu spielen“, nicht in den Park zu gehen und FußgängerInnen Musik „beizubringen“, sondern auch Feedback einzuholen. In einer 1:1 Performance muss man sich auf den Zuhörer einlassen und hat dadurch die Chance, seine persönlichen musikalischen Vorurteile abzubauen – „aber alles auf Augenhöhe“, wie Formenti mehrmals betont.

Der Musikdiwan war praktisch das Gegenteil eines klassischen Settings für Klavierkonzerte. Formenti kommt aus dem Konzertleben, schon länger war es ihm dort zu eng. Die begrenzte Zeit, der alleinige Fokus auf den SolistInnen, die Bühnensituation und der Musikbegriff an sich waren ihm zu starr und herkömmlich, der Performancedruck zu hoch. Daher Formentis Wunsch nach Austausch. „Wir machen Musik seit immer und nicht erst seitdem es Konzertsäle gibt“, sagt der gebürtige Mailänder. Seine Annahme ist, dass wenn die Situation anders ist, ein anderer Klang herauskommt. Deshalb begibt er sich immer wieder in neue Setups, um zu sehen, ob dabei andere Musik entsteht. Er kommt zum Entschluss: Der Klang und die Akustik in einem Park sind freier als in einem Konzertsaal.

Interkulturelle Reise auf Augenhöhe

Seine Intention hat auch eine interkulturelle Komponente: Als europäischer Musiker findet er sich im Spagat zwischen nationaler, musikalischer Treue zum Stil und interkultureller Anbiederung zu anderen Genres. Durch Migrationen, Internet und Globalisierung ist man an einem springenden Punkt und es gilt neue Wege zu finden. „Crossover hatte für mich immer etwas von Aneignung und hat mich eher angewidert. Mittlerweile finde ich es sehr spannend mit Leuten zu spielen, die aus anderen Kulturen kommen“, findet Formenti, der lieber von „crossunder“ als von „crossover“ spricht.

Die Mischung im Schubertpark war bunt: Leute, die man aus dem Wiener Kulturbereich kennt, aber auch Menschen aus dem Irak oder Afghanistan. Viele unterschiedliche Menschen haben miteinander gespielt, Formenti saß selten alleine am Klavier. „Ich liebe das, wenn wer anderer mit mir spielt. Selbst mit Menschen, die gar nicht spielen können. Dann stellt sich die Frage: was ist musikalische Qualität?“ Die Menschen mit denen Formenti gespielt hat, haben einen ganz anderen musikalischen Horizont – er versucht sich selbst durch die Interpretation ihrer Klänge und nicht durch die vorgegebene Komposition zu verwirklichen. „Du musst dich wirklich auf jemanden einlassen, wenn du diesen Weg gehen willst. Man wirkt aufeinander ein – das ist für mich Augenhöhe. Ohne kann man nicht zusammenspielen. Wenn Macht oder Hierarchie eine Rolle spielen, geht das nicht. Das ist der springende Punkt.“

Was? Musikdiwan– eine Kooperation von „art18 – vernetzte kunst währing“und Marino Formenti im Rahmen der Stadtlabore
Wann? 8. –12. Mai 2019
Wo? Im Schubertpark im 18. Wiener Gemeindebezirk Währing

von Jelena Pantić-Panić