„Wien du schlafende Stadt“

Sound-Installation von Conny Zenk
Minna-Lachs-Park, 1060 Wien
11. Oktober 2019

„Minna-Lachs-Park“ steht auf einer grünen Tafel neben dem Gartenzaun, „benannt nach der Mariahilferin, Vizepräsidentin der österreichischen Unesco-Kommission, Hofrätin, Trägerin Goldener Ehrenzeichen der Republik Österreich und für Verdienste um das Land Wien sowie Verfasserin zahlreicher Kinderbücher.“ Und dann am Ende die Jahreszahlen: „1907 bis 1933.“ Ein paar Meter neben der Infotafel hat jemand drei hölzerne Liegen aufgestellt und konzentrisch unter dem Baum aufgefächert, links und rechts daneben stehen jeweils zwei schwarze Lautsprecher, auf einem der Klangkörper-Betten liegt Julia Wildeis.
„Unsere Straßen, Plätze und Parkanlagen sind nach so vielen Personen benannt, und trotzdem wissen wir in den wenigsten Fällen, wer das eigentlich ist“, sagt die 35-jährige Architektin, die wie jedes Jahr auch heuer wieder gezielt ein paar Stationen des Architektur-Festivals urbanize! aufgesucht hat. „Ich wollte wissen, wer Minna Lachs war und wie man solche Inhalte in einem kleinen Grätzel-Park den Besucherinnen und Besuchern kommuniziert.“
Aus den Lautsprechern dringen Gesprächsfetzen, Fragen von Kindern, vorgetragene Einträge aus dem Lexikon. Und schließlich Zitate jener jüdischen Lehrerin und Pädagogin, die diesem kleinen Grätzelpark in der Millergasse ihren Namen lieh: „Im Anfangsunterricht des Englischen lehrte ich Jahre später meine Schüler schnelles englisches Buchstabieren. Wir gaben nicht auf, bis wir lachend mit unserem Spelling zufrieden waren“, sagt eine Frauenstimme. „Und wenn ich zehnmal auf die Welt käme, würde ich immer wieder Lehrerin werden wollen.“
Ziel der Möbel- und Sound-Installation ist genau diese Vermittlung zwischen Wohnen, Grätzelleben und dem Werk der teils unbekannten Namenspatronin. „Minna Lachs ist eine spannende Person, denn sie hat im Nachkriegs-Österreich das Schulwesen entscheidend mitgeprägt“, sagt die Wiener Künstlerin Conny Zenk, die das Projekt unter dem Titel „Wien du schlafende Stadt“ ins Leben gerufen hat. „Vor allem hat sie sich darum bemüht, das aus der Zeit des Nationalsozialismus stammende Unterrichtsmaterial zu verdrängen und den faschistischen Unterton aus den Schulbüchern zu eliminieren. Wenn sich genau diese Informationen mit den Geräuschen und dem Kindergeschrei hier im Park überlagern, dann passt das eigentlich perfekt zusammen.“
Es ist warm an diesem lauen Herbstnachmittag. Der Park ist voll mit Kids, Jugendlichen und Müttern. Die Kunst prallt gnadenlos auf den Alltag der hier lebenden Menschen. Ab und zu eilt ein Bub, ein Mädchen herbei und legt sich auf eine der freien Liegen, die zwar nicht wirklich komfortabel sind, aber darum geht es ja nicht. Wenn die Lautsprecher schweigen, wird ein Impuls an den Subwoofer geschickt, und dann wird das unbequeme Holz in Vibration versetzt.
„Wow, urarg!“, sagt das Mädchen und läuft wieder in die Sandkiste zurück. Hat die Kleine nun gelernt, wer Minna Lachs war? Wahrscheinlich nicht. Ganz gewiss aber hat sie im Geiste der hier verewigten Pädagogin am eigenen Leib erlebt, welche Formen Lernen annehmen kann – dass es mal Schule, mal Sandkiste, mal ein im Park aufgestelltes, vibrierendes Holzmöbel mit zwei aufgestellten Lautsprechern sein kann.

von Wojciech Czaja